Julia Mestern ist Profi-Dressur und -Vielseitigkeitsreiterin. Auf ihrem Hof in Schneverdingen bildet die gelernte Pferdewirtin Pferde bis zur schweren Klasse in Dressur und Vielseitigkeit aus. Auf ihrem Instagram-Profil zeigt die Profi-Reiterin außerdem tägliche Einblicke in ihren Berufsalltag und teilt vor allem ihr Pferdewissen mit ihren Followern. Die von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) beschlossene Impfpflicht könnte sie nun hart treffen und das Aus für den Turniersport bedeuten. STYLERIDE hat mit Mestern über die Gründe gesprochen und warum sie findet, dass die Entscheidung der FN niemandem hilft. 

„Ich denke, dass dieser Aktionismus der falsche Weg ist […]“

Was hälst du denn grundsätzlich von der Impfpflicht?

Ich halte erstmal nicht so viel davon, weil ich denke, dass man zunächst an anderen Stellschrauben drehen müsste, bevor man eine Impfpflicht einführt mit Impfstoffen, die gar nicht gegen alle Herpesformen wirken und das grundsätzliche Problem lösen. Und ich würde mir wünschen, dass man auch darüber nachdenkt, warum Herpes auftritt, in welchen Situationen es auftritt und wie wir gezielt dagegen vorgehen können. 

Wenn man Valencia als Beispiel nimmt, dann ist ganz klar, dass die Pferde zu ihren Einsatzorten entweder geflogen oder lange transportiert worden sind; sie hatten viel Stress: sie sind im Fellwechsel, haben innerhalb kurzer Zeitabstände etliche klimatische Veränderungen zu bewältigen und laufen über Wochen unter Turnierbedingungen. Das ist einfach sehr, sehr viel Stress für die Pferde. Ich denke, da müsste man zunächst etwas ändern, zum Beispiel indem man sagt, die Pferde dürfen nicht mehr so vielen Transporten ausgesetzt werden und man limitiert die Turnierstarts pro Pferd. Mir geht es nicht darum, grundsätzlich nicht zu impfen. Ich denke aber, dass dieser Aktionismus der falsche Weg ist, da wir zunächst einen besseren Impfstoff brauchen und zur Zeit noch viele Fragen dazu offen sind. 

 

Das sehen viele andere genauso. Gerade auf Social Media ist durch den Beschluss der FN eine große Welle losgetreten worden. Du hattest auf deinem Instagram Profil angesprochen, dass die Impfreaktionen nicht gemeldet werden. Denkst du es wäre sinnvoll hier eine Meldepflicht für Impfreaktionen einzuführen?

Ja, dazu müsste aber auch erstmal aufgeklärt werden, insbesondere auch von den Tierärzten. Ich persönlich hatte damals nur das Glück, dass ich von Herrn Dr. Blobel aufgeklärt worden bin. Drei verschiedene Tierärzte hatten mein Pferd zu der Zeit geimpft als er immer wieder diese Impfreaktionen hatte, die sich erst einige Zeit nach der Impfung dargestellt hatten. Keiner brachte es mit der Impfung in Verbindung. Bei meinem Pferd war es nicht so, dass es geimpft wurde und er zwei Tage später Fieber hatte und ataktisch war. Die Reaktion kam erst viel später. Für mich war der direkte Bezug nicht zu erkennen. Dass es anderen genauso geht, sehe ich jetzt bei vielen Leuten, die mir schreiben. Ihre Pferde haben dieselben Symptome wie damals mein Grand Prix Pferd Ludwig. Niemand kann die verzögert auftretenden Symptome der Impfung zuordnen. 

Die Pferde  derer, die mir jetzt geschrieben haben, waren dann meist schon in der Klinik und keiner konnte helfen. Dann ist es doch einen Versuch wert, mal in diese Richtung zu schauen, ob es mit der Impfung zusammenhängt. 

Das kann sein, muss aber natürlich nicht. Diese Ungewissheit macht es dann natürlich sehr, sehr schwer. Das ist auch das Problem beim Herpes-Virus. Das Virus setzt sich einfach an die Nervenenden und wartet da auf Stress, wartet auf den Fellwechsel, wartet auf das Futterproblem, wartet darauf, dass man einen Lehrgang oder Turnier reitet, bei dem das Pferd in Stress gerät, das Pferd einen Schmerz hat und einfach das Immunsystem runter geht.  Haltungsformen können auch ein Grund sein. Es kann auch schon nur in der Herde sein, dass ein Pferd dort zu viel Stress bekommt und das Herpesvirus aktiv wird.

„Und beim dritten Mal bin ich direkt abgestiegen und dann hatte ich nur noch Angst.“

Kannst du einmal zusammenfassen, was dein Pferd Ludwig Löwenherz damals für Symptome auf die Herpes-Impfung hatte? 

Ludwig hatte eine Art Kreuzverschlag. Während ich ihn in der Saison ganz normal trainiert habe, ist er, meist im Herbst kurz vor unserem Landesturnier in Schleswig-Holstein, während des Reitens für einen Moment im Rücken kalt geworden, und dann ist er beim Reiten bis zum Stillstand gekommen. Das Pferd war dann bewegungsunfähig. 

Beim ersten Mal fing es an, dass er die Wechsel nicht mehr sprang. Da hatte ich mich schon gewundert, weil die Wechsel immer eine seiner Paradelektionen waren, und dann sprang er die Wechsel nach und plötzlich wollte er nicht mal mehr angaloppieren. Dann hatte ich schließlich gewusst, dass was nicht stimmt. Ich bin dann abgestiegen, habe versucht ihn vom Platz zu führen. Dann konnte er schon fast nicht mehr laufen. 

Beim nächsten Mal war ich natürlich schon etwas sensibler und habe mir überlegt, welche Ursache vorliegen kann. Und beim dritten Mal bin ich direkt abgestiegen und dann hatte ich nur noch Angst. Ich wusste nicht mehr, wie ich das Pferd überhaupt reiten sollte, weil ich immer Angst hatte, dass was passiert. 

Als Herr Dr. Blobel mir dann sagte, ich solle die Herpes-Impfung weglassen, habe ich seinen Rat sofort befolgt. Ich habe danach auch sehr viel über die Herpes-Impfung gelesen. Ab dem Zeitpunkt als ich die Impfung weggelassen habe, hatte Ludwig nie wieder irgendein Problem in diese Richtung. Und er ist dann noch fünf Jahre im Sport gegangen.

Wenn ich das erzähle, höre ich oft den Einwand, dass es bestimmt an dem zu jener Zeit häufig verwendeten Impfstoff „Resequin“ lag. Dieser Impfstoff ist heute nicht mehr erhältlich. Aber Ludwig wurde zu jener Zeit bereits nicht mehr mit „Resequin“ geimpft; soweit ich mich erinnere, hieß der damals Ludwig verabreichte Impfstoff “Duvaxyn“. 

Daher finde ich, dass man die Impfproblematik nicht einfach auf Resequin schieben kann.

Das gleiche Problem wie mit Ludwig hatte ich dann nochmal mit einem Hengst. Da habe ich leider viel zu spät erkannt, dass die gezeigte Symptomatik auf die Herpes-Impfung zurückzuführen war. Er humpelte immer wieder zwischendurch, war dann wieder lahmfrei und ging eine super Prüfung, kam raus und hatte sofort einen Kreuzverschlag. Das war so schrecklich, dass ich ihn kaum noch führen konnte. Der stand dann hechelnd da und konnte sich nicht mehr bewegen. Und ich habe damals zunächst nicht verstanden, was los war. Ich hatte so viele Tierärzte an diesem Pferd. Keiner konnte mir mit ihm keiner der Tierärzte helfen, oder wusste auch nur, woran es lag, bis ich die sporadisch auftretenden Symptome irgendwann mit der Herpes-Impfung des Hengstes in Verbindung gebracht habe. Aber für ihn war es dann leider zu spät. Er musste aufgrund der bleibenden Schäden seine Karriere beenden. Und das war wirklich schade, denn er war ein tolles Sportpferd. 

Das bedeutet, dass du, seit du das weißt bzw. die Herpes-Impfung damit in Verbindung bringst, deine Pferde nicht mehr gegen Herpes geimpft werden? 

Genau. Bei mir ist keines der Pferde mehr gegen Herpes geimpft. Und ich muss auch sagen, dass ich seit ich meine Pferde nicht mehr gegen Herpes impfen lasse, keine der Krankheiten, die in Verdacht stehen durch die Herpes-Impfung ausgelöst zu werden, bei meinen Pferden habe. Ich habe keine Headshaker oder COB (Chronisch-obstruktive Bronchitis). Toi, toi, toi haben die Pferde seitdem nur “normale” Krankheiten wie Hufgeschwüre oder Ähnliches. Das ist für mich auch ein klares Zeichen. Wenn man mal Headshaking als Beispiel nimmt. Da setzt sich der Herpes an den Trigeminusnerv im Gesicht. Für mich ist es ganz naheliegend, dass das Herpesvirus dann, wenn das Pferd Stress hat und dadurch die Imunabwehr herabgesetzt ist, wieder ausbricht. Ich denke, es sind dann mehrere Komponenten, die zusammenspielen. Aber für mich steht fest, dass das Herpesvirus ganz klar in Verbindung mit dem Headshaking bei Pferden steht.

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass es, seit es die neuen Impfstoffe gibt, immer mehr Pferde gibt, die zum Headshaker werden. Das sehe ich zum Beispiel bei mir im Unterricht. Es kommen immer mehr Pferde zu mir, die ein Netz auf der Nase tragen.  Früher, bei den alten Impfstoffen, war es nach meiner Wahrnehmung eher der Kreuzverschlag, der als Impfkonsequenz auftrat. 

Was würde es für dich bedeuten, wenn die Impfpflicht tatsächlich, so wie jetzt angekündigt im Jahr 2023, umgesetzt wird? 

Im Moment stellen sich mir bei dem Gedanken daran die Haare auf, weil ich nicht weiß, wie ich dieses Problem für mich lösen soll. Im Moment denke ich, dass ich dann den Turniersport aufgeben müsste. Außer, ich kann dann noch international starten, falls die FEI dann noch keine Impfpflicht gegen Herpes eingeführt haben sollte.

Ich weiß noch nicht, wie ich das machen kann, denn es ist ja Teil meines Berufes, Turniere zu reiten. Aber wie soll ich das Risiko eingehen, wenn ich bei zwei Pferde schon miterleben musste, welche gravierenden Folgen die Impfung auslösen kann? 

Deshalb versuche ich jetzt auch zu kämpfen. Wir brauchen entweder mehr Zeit bis die Impfung Pflicht wird, die wir nutzen können, um uns zu informieren und informierte Entscheidungen treffen zu können zum Wohl unserer Pferde. Oder wir benötigen zumindest einen Impfstoff, bei dem man das Risiko besser kalkulieren kann, oder weiß, welche Impfreaktionen auftreten können, weshalb manche Pferde so stark reagieren. Ich möchte nicht nochmal in eine Situation kommen, in der ich jede Sekunde darauf warte, dass mein Pferd in der Muskulatur steif wird und diese geschädigt wird. Jede pferdesportliche Disziplin, auch ganz besonders der Vielseitigkeitssport, fordert ja von den Pferden eine super Muskulatur. Eine schwerwiegende Muskelerkrankung kann man sich bei unseren Sportpferden einfach gar nicht leisten. Unabhängig davon möchte ich keines meiner Pferde nochmal so sehen.

„Kloppt man sich darum, genauso wie um die Startplätze?“

Siehst du neben den teils heftigen Impfreaktionen noch weitere Argumente, die gegen eine Impfpflicht sprechen? 

Für mich wäre wichtig, dass Tierärzte erklären, was passiert, wie die Impfung abläuft usw. Und ich stelle mir auch die Frage, welchen Sinn eine Impfpflicht macht, wenn der Impfstoff noch nicht einmal gegen alle Herpesviren-Arten wirksam ist? Provoziert man dadurch vielmehr eine Ausbreitung des Virus? Das alles ist für mich noch nicht ausreichend durchdacht. Die Einführung der Impfpflicht ist für mich keine Entscheidung, mit der ich einfach so leben kann. Denn durch die Impfpflicht erreichen wir keine Lösung, die uns nach vorne bringt. Die Ausbrüche werden genauso stattfinden. Was ist denn mit Ställen, in denen nur wenige Turnierpferde sind? Und was passiert, wenn die Impfung zu einer Zeit durchgeführt werden soll, zu der ein Teil der Pferde eines Stalles nicht gesund ist? Denn die stallweise Impfung muss gleichzeitig erfolgen, damit es überhaupt Sinn macht. Fördert man durch solche Abläufe nicht sogar noch Herpesausbrüche? Was ist mit dem Hufschmied oder dem Tierarzt, der vom Freizeit- zum Turnierstall fährt? Da bleiben für mich ganz große Fragezeichen. 

2022 soll genutzt werden, um genügend Impfstoff herzustellen. Nach meiner Kenntnis kam es in den zurückliegenden Jahren immer wieder zu Engpässen bei der Herstellung des Herpes-Impfstoffs. Wenn nun alle Turnierpferde geimpft werden müssen, ist zu erwarten, dass es auch wieder zu Engpässen bei der Vakzinverfügbarkeit kommen wird. Wie wird es dann ablaufen? Kloppt man sich dann um Impfstoff, genauso wie um die Startplätze bei den ersten Turnieren nach Corona? Und wer kommt dann zuerst? Das alles zeigt schon, dass noch viele Fragen und Probleme im Raum stehen, die adressiert werden müssen. Und, ich denke, hier muss die FN die Möglichkeit zur Diskussion bieten und nicht einfach nur darüber informieren, dass etwas entschieden wurde. Ich bin überhaupt kein Mensch, der mit so etwas in der Regel an die Öffentlichkeit gehen würde. Aber das alles geht jetzt einfach zu weit. Für mich würde es derzeit das Aus für den Turniersport bedeuten. Und das bedeutet mein berufliches Aus. Ich weiß nicht, wie es dann mit meiner beruflichen Existenz weitergehen soll.

Der Ruf nach einem neuen Impfstoff wird immer lauter. Das zeigt sich auch anhand der gestarteten Petition, die ja in den vergangenen Tagen extrem viele neue Unterzeichner gefunden hat und sich direkt an die FN richtet. Was würdest du dir von der FN wünschen, was jetzt passieren soll? 

Absolute Aufklärung. Auf meine Nachfrage bei der FN bekam ich die Antwort, dass sie gar nicht alleine für die Entscheidung zuständig seien, sondern auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin reagieren, die seit Jahren die Herpes-Impfung empfiehlt. Das allerdings wurde in dem Beitrag der FN nicht deutlich. Und da frage ich mich natürlich, was jetzt stimmt, bzw. wer verantwortlich ist. Deshalb möchte ich Aufklärung und auch klare Verhältnisse. 

Ich möchte wissen, wie man mit Pferden umgeht, die eine Impfreaktion haben. Ich glaube es sind sehr viel mehr Betroffene als sich die FN vorstellen kann. Denn, wenn die Petition jetzt schon von über 5.750 Leuten unterzeichnet wurde, dann heißt das schon was. Menschen unterzeichnen eine Petition nicht einfach nur so aus Spaß.

Und es sind ja auch Leute dabei wie Anabel Balkenhol und andere, die in der Reitsportwelt einen Namen haben und auch wirklich im großen Sport reiten. 

Auch ich hatte der FN geschrieben, dass es bei mir um Sportpferde geht, die im hohen Sport laufen. Und, dass ich eines bereits ganz und eines fast durch Herpes-Impfungen verloren habe.

Ich würde mir von der FN wünschen, dass man ins Gespräch kommt, dass man die Argumente gegeneinanderstellt, und, dass ein offener Diskurs darüber geführt wird, wie man mit dem Stress der Pferde, der Impfung und den Impfproblemen umgehen soll. Ich denke, alle müssen hier zum Wohl unserer Pferde und für unseren Sport wirklich zusammenarbeiten. 

Abgesehen davon, bezahlen die Turnierreiter der FN ja bereits viel Geld dafür, dass sie überhaupt Turniere reiten dürfen. Für dieses Geld erwarte ich auch, dass die FN mit mir in einen Dialog eintritt und mich als Turnierreiter ernst nimmt. Ich wünsche mir von der FN als auch meine Vertretung weiter, dass sie meine wohlverstandenen Interessen als Turnierteilnehmer gegenüber denjenigen, vertritt, die diese Entscheidung getroffen haben, wenn nicht die FN alleine über die Impfpflicht entschieden hat. Ich erwarte mir, dass ferade zu diesem Themenkomplex jeder gehört wird und sei er noch so „unbedeutend“. Und da muss ich ganz klar sagen, wenn jetzt eine Bella Rose eine Impfreaktion zeigen würde, dann bräuchten wir diese Diskussion nicht zu führen. Und das darf einfach nicht sein. Es müssen die Ängste aller Reiter ernst genommen werden.

 

Was hältst du von der Impfpflicht gegen das Herpesvirus? Hältst du die Entscheidung der FN für sinnvoll oder siehst du es Ähnlich wie Julia? Schreib es uns in einem Kommentar. ↓

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